– Syrien
Wo Ruinen schweigen und Herzen sprechen
Missionsprokurator P. Christian Braunigger SJ und Mitarbeiter Dr. Norbert Dischinger haben unsere Partnerprojekte in Damaskus, Homs und Aleppo besucht. In seinem Reisebericht erzählt Pater Braunigger von zerstörten Vierteln, mutigen jungen Menschen und Orten der Hoffnung.
Unsere erste Station in Syrien ist der Großraum Damaskus. Gleich am ersten Tag fahren Norbert und ich, begleitet von meinen Mitbrüdern Vincent SJ (Frankreich) und Álvaro SJ (Mexiko), durch mehrere Vororte. Beide leben seit Jahren in Syrien; wir kennen uns noch aus unserer gemeinsamen Studienzeit in Paris.
Syrien – gezeichnet vom Bürgerkrieg
Die Zerstörungen des Krieges sind je nach Stadtteil sehr unterschiedlich. Manche Gegenden sind vollständig zerstört, wenige Straßen weiter wirkt alles fast unversehrt. In der Regel gilt: Gebiete, die von aufständischen Truppen kontrolliert wurden, wurden vom Assad-Regime in Kooperation mit Russland massiv bombardiert. Viertel unter Regierungskontrolle blieben oft weitgehend intakt; dort rühren die Schäden eher von Angriffen der Rebellen her, durch Maschinengewehre, Mörser oder Granaten.
Natürlich ist nicht alles schwarz-weiß: Manche Orte wechselten mehrfach die Kontrolle.
Spannungen in der Nachbarschaft
Die Jesuitenkommunität liegt im Damaszener Vorort Jaramana, einer traditionell drusischen Stadt. Seit dem Krieg ist sie deutlich durchmischter, da viele Flüchtlinge hier Schutz suchten. Polizei und Armee haben kaum Zutritt; die drusische Bevölkerung sorgt für ihre eigene Sicherheit, auch aufgrund eines Massakers an Drusen im Süden des Landes vor einigen Monaten.
Zwischen Jaramana und der benachbarten, mehrheitlich sunnitischen Stadt verläuft eine breite Straße. Laut Vincent kommt es immer wieder zu Spannungen, weshalb die Regierung beide Orte gelegentlich abriegelt.
Die Altstadt von Damaskus blieb weitgehend unzerstört, ein großes Glück, anders als in Aleppo. Die Stadt hat eine lange christliche Tradition: Hier soll sich der heilige Paulus bekehrt haben. Die große Moschee war einst eine Kirche, in der Johannes der Täufer bestattet sein soll. Bis vor einem Jahr konnte man das Grab noch berühren; heute ist es wegen neuer Sicherheitsregeln mit Ketten abgesperrt.
In Jaramana kann man sich auch nachts frei bewegen. Viele Menschen grüßen die Jesuiten; sie sind im Viertel bekannt. Abends besuchen wir eine Schischa-Bar, die ab 21 Uhr zum Leben erwacht. Schischa, Tee oder ein Bier zu trinken und dabei zu reden oder ein Brettspiel zu spielen, gehört hier zum Lebensgefühl.
Haus der Begegnung
Reda ist Druse. Die Massaker an seiner Volksgruppe im Süden Syriens belasten ihn schwer. Schon während des Krieges wurde seine Gemeinschaft verfolgt. Er zeigt ein Bild seiner Mutter, die die Kleidung seines vom IS ermordeten Bruders hält. „Sein Schatten ist im Hintergrund. Dieses Schicksal lastet auf unserer Familie. Das Licht im Fenster steht für Hoffnung, die Gott uns schenkt.“
Diese Begegnung findet im Zentrum Alberto Hurtado in Damaskus statt, einem jesuitischen Haus mit vielen Aktivitäten: Theater- und Chorgruppen, Musikunterricht, Lesezirkel, Debattierklub, Zeichen- und Malkurse, Kurzfilm- und Grafikdesigngruppen. Für Christen gibt es auch Gottesdienste, Exerzitien und Gespräche über den Glauben.
Die Gruppen werden von jungen Erwachsenen geleitet, die zwar keine Profis, aber engagierte Anleiterinnen und Anleiter sind. Hier begegnen sich junge Frauen und Männer verschiedener ethnischer und religiöser Herkunft. Auf meine Frage, warum sie kommen, höre ich oft: Das Zentrum sei ein sicherer Ort, an dem man abschalten und Sorgen für einen Moment loslassen könne. Der künstlerische Ausdruck helfe, die Psyche zu entlasten.
Wikra, eine junge Frau, erklärt: „Manchmal möchte ich mich in meinem Zimmer verkriechen. Doch ich komme hierher, weil ich weiß, dass es mir danach besser geht, dieses Gefühl trägt mich durch die nächsten Tage.“
Zudem setzen sich die Besucherinnen und Besucher mit ihren Erfahrungen auseinander. In Lesegruppen zu Werken von Camus oder Dostojewski wird über die Vergangenheit und gesellschaftliche Gewalt gesprochen. Viele Menschen wurden in den Kerkern Assads gefoltert. Was ist damals geschehen?
Mein Mitbruder Álvaro SJ, seit acht Jahren in Syrien, erzählt: „Nie wurde offen über die Foltergefängnisse gesprochen. Es gab Vermutungen, besonders, wenn Angehörige verschwanden. Doch niemand wagte es, darüber zu reden. Die Angst war zu groß.“
Beit Alberto ist ein beeindruckender Ort der Begegnung und Verständigung, ein Raum, der jungen Menschen hilft, ihre Erfahrungen zu verarbeiten und neue Hoffnung zu finden.
Ein Leben auf der Flucht
Wir betreten ein Haus, genauer gesagt einen Betonrohbau, in dem Menschen leben. Wohnraum ist in Syrien knapp und teuer; ein Drittel des Landes wurde im Krieg zerstört. Viele Familien sind froh, wenn sie überhaupt ein Dach über dem Kopf haben. Die Wände und Böden bestehen aus purem Beton, Fenster gibt es keine. Immerhin gibt es fließendes, aber nicht trinkbares Wasser. Im Sommer nutzt die Familie zwei Zimmer, im Winter nur eines. Die Einrichtung besteht aus Matten, Decken und Kissen.
Hier lebt eine achtköpfige Familie. Wir sprechen mit Zarah, der Mutter, und Barah, der ältesten Tochter. Die Familie stammt aus Aleppo, floh nach Damaskus, kehrte zurück und lebt nun wieder im Großraum Damaskus. Ihr Heimatdorf im Norden wurde während des Krieges von kurdischen Milizen angegriffen und ist weiterhin von ihnen kontrolliert. Die arabischsprachige Bevölkerung wird gezwungen, Kurdisch zu lernen oder das Gebiet zu verlassen.
Barah und ein Junge besuchen die Schule. Vier weitere Kinder haben keinen Schulplatz und arbeiten mit ihrer Mutter: Sie kaufen Brot in einer Großbäckerei und verkaufen es auf der Straße, der Tageserlös für alle beträgt etwa vier Dollar. Der Vater versucht sich als Tagelöhner durchzuschlagen und hofft morgens an einer Straßenecke auf einfache Arbeiten, etwa auf dem Bau oder beim Müllsortieren.
Eines der Kinder ist behindert. Früher konnte es die von Assads Frau gegründete Organisation „Amal“ besuchen, die Schutz bot. Nach dem Machtwechsel wurde sie jedoch verboten.
Zwar leben heute nur wenige Menschen in Syrien in Zelten, doch die Wohnsituation bleibt vielerorts prekär.
Die beiden Kinder können im Zentrum des Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS) Hausaufgaben machen, Unterstützung erhalten und einen sicheren Rückzugsort finden. Die anderen Kinder kommen freitags nach dem Moscheebesuch ins Zentrum, verbringen dort Zeit und lernen, je nach Alter, lesen und schreiben.
Ein wichtiger Tätigkeitsbereich des JRS ist in Syrien, Kindern aus vergleichbaren Familien einen Raum zu geben, um zu lernen, zu spielen
Familien unter Druck
Die Zentren des Jesuitenflüchtlingsdienstes liegen häufig in Stadtteilen, die stark vom Krieg betroffen waren. In seinen Zentren in Damaskus, Homs und Aleppo bietet der JRS vielfältige Unterstützung an: psychosoziale Beratung, Workshops für Eltern und Jugendliche, etwa zu Emotionen, Werten, Bedürfnissen oder Gesundheit, sowie Alphabetisierungskurse.
Etwa 20 Frauen nehmen an einem Workshop teil, der ihnen helfen soll, besser mit Alltagsproblemen umzugehen. Der Kurs „Eltern unter Druck“ vermittelt Grundlegendes über Emotionen, Bedürfnisse, Konflikte und den Umgang mit Kindern. Während unseres Besuchs sprechen sie darüber, warum Kinder lügen, etwa aus Angst oder um etwas zu bekommen, und wie Eltern angemessen reagieren können. In Rollenspielen üben die Frauen, wie man ein Kind korrigiert. Klar wird: Härte und Gewalt führen nicht zum Ziel.
Amani, die Leiterin des Workshops, erklärt: „Die Teilnehmerinnen werden für verschiedene Problemstellungen sensibilisiert.“ Zudem geht es um Themen wie Kinderarbeit, frühe Verheiratung oder häusliche Gewalt. Schrittweise kann sich so in Familien etwas verändern. Nur wenige Männer besuchen solche Kurse; am Freitag, ihrem freien Tag, tauschen sie sich jedoch in Männergruppen aus. Eine gemischte Gruppe sei kulturell nicht möglich.
Es ist nie zu spät, lesen zu lernen
Wir treffen Abdula, Anfang 60. Seine jüngste Tochter besucht das Zentrum, wo sie sicher lernen und spielen kann. Abdula ist Analphabet und möchte nun lesen und schreiben lernen, um Schilder zu verstehen und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Seine Frau traut sich nicht ins Zentrum; er wünscht sich, dass jemand vom JRS sie bei einem Familienbesuch einlädt. Viele Frauen und Männer lernen auch im höheren Alter noch lesen und schreiben und wecken damit hoffentlich bei der jüngeren Generation den Wunsch nach Bildung.
In den besuchten Zentren herrscht reges Leben. Das Programm des JRS wird geschätzt und orientiert sich eng an den Bedürfnissen der Menschen.
Christen in Gefahr
Die Jesuiten in Syrien unterhalten an allen Standorten Pastoralprogramme, besonders ausgeprägt in Homs. Dort lebte auch Frans van der Lugt, der während des Krieges bei den Menschen blieb und wenige Tage vor dem Waffenstillstand 2015 ermordet wurde.
Zusammen mit P. Gerry aus Österreich besuchen wir Homs. Wir begegnen vielen christlichen Studierenden, die sich als Katechisten für Kinder und Jugendliche engagieren und häufig Medizin oder Bauingenieurwesen studieren.
Christen messen Bildung traditionell hohen Wert bei, was auf die Geschichte christlicher Schulen zurückgeht. Daher verfügen Christen im Vergleich zu anderen Volksgruppen meist über ein Abitur mit sehr guten Noten. Da in Syrien die Abiturnote über den Studiengang entscheidet, studieren die Besten Medizin, gefolgt von Ingenieurwissenschaften, persönliche Interessen spielen keine Rolle.
Ein Medizinstudent erklärt: „Alle Medizinstudierenden lernen Deutsch, alle! Wer nach dem Abschluss das Sprachniveau B1 erreicht, erhält leicht ein Visum für Deutschland. Für die Approbation benötigen sie nur noch B2 und einige Prüfungen.“ Dies wirkt paradox: In Deutschland werden Rückkehrprogramme diskutiert, zugleich wird syrisches medizinisches Personal angeworben.
Viele junge Christen haben realistische Möglichkeiten, Syrien zu verlassen. Gründe sind die desolate wirtschaftliche Lage, große Unsicherheit und gezielte Gewalt gegen Minderheiten. Im Juni gab es einen Anschlag auf eine Kirche in Damaskus. Die Zukunft religiöser Minderheiten ist ungewiss.
Was würde ich an Stelle der jungen Christen tun? Eine Perspektive in Europa oder den Emiraten suchen? Gleichzeitig werden zum Wiederaufbau qualifizierte Menschen dringend gebraucht, und das Christentum droht zu verschwinden.
Kritisch denken – eine Herausforderung
Seit einigen Monaten ist mein Mitbruder Gerry aus Österreich in Aleppo. Er koordiniert dort die Einführung des Fernstudienprogramms Jesuit Worldwide Learning (JWL).
Neben Englischkursen bietet JWL den Kurs „Teaching Facilitator“ an, der von Ehrenamtlichen und Teilzeitbeschäftigten des Jesuitenzentrums besucht wird. Ziel ist es, die eigene Unterrichtspraxis zu reflektieren und neue Methoden kennenzulernen. Da eine pädagogische Ausbildung in Syrien selten ist, schließt der sechsmonatige Kurs eine wichtige Lücke, besonders für Menschen, die durch Lehrtätigkeiten ihren Lebensunterhalt sichern.
Die Teilnehmenden beschreiben vor allem den Kurs „Kritisch denken“ als große Herausforderung, obwohl viele kurz vor dem Studienabschluss stehen oder bereits ein Studium abgeschlossen haben. Ein Teilnehmer erklärt: „Das Bildungssystem war auf Auswendiglernen und Reproduktion ausgerichtet. Eigenständiges kritisches Denken war zur Zeit des Assad-Regimes nicht erlaubt.“
Gleichzeitig zeigen sich die Herausforderungen beim Aufbau einer Demokratie. In Syrien gab es bislang keine echten Wahlen. Über Jahrzehnte entschied Assad allein über die Besetzung wichtiger Positionen, Erfahrungen mit demokratischen Prozessen fehlen weitgehend.
Auch kulturelle Themen werden aufgegriffen. Syrien ist geprägt von großer kultureller, ethnischer und religiöser Vielfalt. Im Alltag ist dies oft ein Elefant im Raum: Man möchte mehr über andere wissen, stellt jedoch selten direkte Fragen.
Bei einem Besuch der Altstadt sehen wir Ruinen, Überreste und wiederaufgebaute Gebäude. Ehemals besetzte Viertel wurden systematisch bombardiert, darunter Teile der Altstadt und die frühere Jesuitenschule. Der Wiederaufbau hat begonnen, geht jedoch langsam voran.
Teile des weltberühmten Marktes leben wieder auf. Beim Kauf der Aleppo-Seife naschen wir aus Säcken mit Nüssen und Rosinen: ein Stück Normalität.
Unterstützung für die Arbeit der Jesuiten in Syrien:
Syrien: Da sein, trotz alledem
Die Folgen des Kriegs in Syrien sind allgegenwärtig: Zerstörte Häuser, fehlende medizinische Versorgung, explodierende Preise und soziale Spannungen prägen das Leben. Millionen stehen täglich vor unmöglichen Entscheidungen: Essen oder Medikamente? Schule oder Arbeit? Bleiben oder gehen? Die Jesuiten und die Teams des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS) bleiben präsent, begleiten Menschen in besonders betroffenen Vierteln von Aleppo, Homs und Damaskus – mit medizinischer Hilfe, psychosozialer Begleitung, Bildung und sicheren Orten für Kinder und Familien.







