F: WCK (CC BY 4.0)
– „Unidos por Colombia“
Nach dem Beben: Wiederaufbau in Kolumbien
Am Morgen des 10. August erschütterte eines der stärksten Erdbeben in der Geschichte Kolumbiens den Westen des Landes. Hunderte Menschen starben, Hunderttausende verloren ihr Zuhause oder mussten beschädigte Häuser verlassen. Inmitten der Katastrophe haben die Jesuiten in Kolumbien ein Netzwerk der Hilfe mobilisiert. Es reicht von Lebensmitteln und Notunterkünften bis zum Wiederaufbau ganzer Nachbarschaften.
Es war 7.34 Uhr am Morgen, als am 10. August 2026 im Westen Kolumbiens die Erde bebte. Das Epizentrum lag bei San José del Palmar im Departamento Chocó. Mit einer Magnitude von 7,4 und einer Tiefe von 103 Kilometern war es nach Angaben des kolumbianischen Geologischen Dienstes SGC das drittstärkste registrierte Erdbeben in der Geschichte des Landes. An den Messstationen nahe dem Epizentrum dauerte die Bewegung zwischen eineinhalb und zwei Minuten. Mehr als 20.000 Menschen aus über 1.200 Orten meldeten dem SGC, das Beben gespürt zu haben.
Die Erschütterungen trafen nicht nur Chocó. Auch im Valle del Cauca, in Cali und Buenaventura sowie in Risaralda, Quindío und Caldas stürzten Gebäude ein oder wurden schwer beschädigt. Krankenhäuser, Schulen, Straßen, Brücken und die Wasserversorgung waren betroffen. Die Katastrophe erfasste schließlich weite Teile des Landes.
Anfang September registrierten die kolumbianischen Behörden 466.606 Betroffene in 497 Gemeinden und 16 Departamentos. Mehr als 201.000 Wohnhäuser waren beschädigt, über 36.000 zerstört. Ende August lag die Zahl der Todesopfer nach Angaben des UN-Nothilfesystems bereits bei mehr als 330.
Ein Land im Ausnahmezustand
Besonders hart traf die Katastrophe den Westen Kolumbiens. Chocó, wo das Epizentrum lag, ist geprägt von schwer zugänglichen ländlichen Gebieten und einer ohnehin schwachen Infrastruktur. Auch dort, wo Häuser stehen blieben, erschwerten unterbrochene Verkehrswege, Stromausfälle und beschädigte Gesundheitseinrichtungen die Versorgung.
Die Regierung erklärte die Katastrophe zum nationalen Desaster und später den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Notstand. Betroffen sind nicht nur Wohnhäuser, sondern auch Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Verkehrswege und öffentliche Versorgungsnetze. Die Kosten des Wiederaufbaus wurden bereits wenige Tage nach dem Beben auf mehr als 30 Billionen kolumbianische Pesos geschätzt.
Während staatliche und internationale Hilfskräfte nach Verschütteten suchten und die Versorgung organisierten, setzte sich auch innerhalb des großen jesuitischen Netzwerks in Kolumbien vieles in Bewegung.
„Unidos por Colombia“
Unter dem Leitwort „Unidos por Colombia“ – Vereint für Kolumbien hat die kolumbianische Jesuitenprovinz einen eigenen Notfallplan entwickelt. Ein eigens eingerichtetes Komitee koordiniert Hilfen, bündelt Spenden und soll dafür sorgen, dass Ressourcen möglichst schnell dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Geleitet wird es von P. José Darío Rodríguez SJ gemeinsam mit weiteren Verantwortlichen der Provinz und der Entwicklungsorganisation „Amar y Servir“.
Dabei zeigt sich eine Stärke der Jesuiten in Kolumbien: Sie müssen nach einer Katastrophe nicht erst ein Hilfsnetz aufbauen. Universitäten, Schulen, Sozialzentren, Jugendgruppen, Gemeinden und der Jesuiten-Flüchtlingsdienst sind längst in unterschiedlichen Regionen präsent. Nun arbeiten sie über institutionelle Grenzen hinweg zusammen.
In den ersten 30 Tagen konzentriert sich der Einsatz auf das Dringendste: Unterkunft, Lebensmittel, medizinische Versorgung und psychosoziale Begleitung. Die Casa de los Farallones und die Päpstliche Universität Javeriana stellen Möglichkeiten zur Unterbringung bereit. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS, Fe y Alegría und die Universität Javeriana begleiten betroffene Familien. Krankenhäuser, Universitäten, Jugendnetzwerke und Jesuitenschulen wurden zugleich zu Sammelstellen für Geld- und Sachspenden.
Tonnenweise Hilfe, getragen von vielen Händen
Wie weit dieses Netzwerk reicht, zeigt der Blick auf die ersten Wochen. Jesuitische Einrichtungen waren unter anderem in Cali, Buenaventura, im ländlichen Valle del Cauca und in Gemeinden des Chocó aktiv.
In Buenaventura mobilisierten das ignatianische Jugendnetzwerk und die Casa Ignaciana de la Juventud rund 20 Tonnen Hilfsgüter. Die Unterstützung kam unter anderem aus jesuitischen Schulen, einer Pfarrei und von Ordensgemeinschaften.
In Cali brachte die Päpstliche Universität Javeriana ihre medizinischen und organisatorischen Möglichkeiten ein. Mitarbeitende unterstützten medizinisches Personal, Lebensmittel wurden an Rettungskräfte verteilt. Mehr als 1.500 Sandwiches gingen allein an Menschen, die zwischen Trümmern und beschädigten Gebäuden im Einsatz waren.
Auch aus Bogotá, Manizales, Roldanillo und weiteren Orten kamen Geld, Lebensmittel und Sachspenden zusammen. Hinter den Zahlen steht dabei eine ungewöhnlich breite Mobilisierung: Universitätsangehörige, Schülerinnen und Schüler, Familien, Pfarreien, Ordensgemeinschaften und private Spender tragen die Hilfe gemeinsam.
Wiederaufbauen und begleiten
Doch der jesuitische Plan endet nicht mit der akuten Nothilfe. Nach den ersten Wochen folgt eine zweite Phase. Gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden soll erhoben werden, was Menschen tatsächlich benötigen und welche Schäden langfristig aufgearbeitet werden müssen. Der geplante partizipative Prozess soll die Grundlage für eine umfassendere Unterstützung bilden.
Daran beteiligen sich neben den Universitäten Javeriana unter anderem das Instituto Mayor Campesino IMCA, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS, Fe y Alegría, das Centro de Reflexión CIRE, die Red Juvenil Ignaciana und jesuitische Schulen und Gemeinden. Auch Franziskaner und Apostolische Schwestern gehören zu den Partnern.
Ab dem dritten Monat soll aus Katastrophenhilfe zunehmend Wiederaufbau werden. Geplant sind die Reparatur und der Wiederaufbau beschädigter Häuser, aber auch psychosoziale und geistliche Begleitung, berufliche Qualifizierung sowie nationale und internationale Kooperationen. In Buenaventura und Cali stehen dabei besonders betroffene Viertel im Fokus.
Das entspricht einer Herausforderung, vor der ganz Kolumbien inzwischen steht. Anfang September befand sich auch der staatliche Wiederaufbau bereits in einer zweiten Phase. Tausende Gebäude müssen einzeln begutachtet werden, um zu entscheiden, was repariert werden kann und was neu gebaut werden muss.
Für die Jesuiten bedeutet Wiederaufbau deshalb mehr als neue Dächer und Mauern. Ihr Plan verbindet die schnelle Hilfe nach dem Erdbeben mit der Frage, was bleibt, wenn die unmittelbare Aufmerksamkeit für die Katastrophe nachlässt: verlässliche Begleitung, funktionierende lokale Netzwerke und Gemeinden, die ihre Zukunft wieder selbst gestalten können.

