– Im Dialog: P. Heinz Hamm SJ
„Kirche muss Menschen mehr zutrauen“
Pater Heinz Hamm SJ lebt seit Jahrzehnten in Japan. Im Gespräch erklärt er, warum die Kirche in Japan und Deutschland trotz aller Unterschiede vor derselben Aufgabe steht: Sie muss Macht teilen und Vielfalt ernst nehmen.
Pater Hamm, was verbindet die Kirche in Japan mit der Kirche in Deutschland?
Auf den ersten Blick wenig. In Japan sind die Katholiken eine winzige Minderheit, in Deutschland gehören noch Millionen Menschen der Kirche an. Aber das Grundproblem ist dasselbe: Es ist ein Strukturproblem. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche nicht zuerst als Hierarchie mit angeschlossenen Laien beschrieben, sondern als Volk Gottes. Diese Einsicht ist bis heute nicht konsequent verwirklicht worden.
Was würde es bedeuten, die Kirche wirklich als Volk Gottes zu verstehen?
Dann wäre nicht mehr die Pyramide das Leitbild, mit dem Papst an der Spitze, darunter Bischöfen und Priestern und ganz unten den übrigen Gläubigen. Im Mittelpunkt stünde die Gemeinschaft der Getauften. Ämter blieben notwendig, denn jede größere Gemeinschaft braucht Leitung. Aber Autorität käme nicht automatisch durch Weihe oder Titel. Entscheidend wäre die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, zuzuhören und eine Gemeinde geistlich zu führen.
Sie sprechen von einer Kirche, die Verantwortung stärker verteilt.
Ja, aber es ist mehr als teilen. Mein Leitwort ist „Integration durch Differenzierung“. Einheit bedeutet nicht, dass überall dieselben Formen gelten müssen. Jede Diözese, jede Gemeinde ist immer ein Ganzes. Durch die Inkarnation des Wortes Gottes wird die Kirche in Japan japanisch, die Kirche in Deutschland deutsch. Gemeinsam sind das Evangelium und die Zugehörigkeit zur Weltkirche. Aber Sprache, Liturgie, Leitung und pastorale Antworten müssen aus den jeweiligen Kulturen wachsen. Sonst bleibt die Kirche ein europäischer Exportartikel.
Woran zeigt sich dieses Problem in Japan besonders deutlich?
An der Liturgie. Es genügt nicht, lateinische Texte möglichst genau ins Japanische zu übersetzen. Dabei entstehen Formulierungen, in denen Japaner niemals sprechen oder beten würden. Sprache transportiert eine ganze Kultur: das Verhältnis von Ich und Gemeinschaft, von Schuld und Vergebung, von Nähe und Distanz.
Eine japanische Liturgie müsste poetisch, würdig und theologisch verantwortet sein, aber aus der japanischen Sprache heraus entstehen. Das braucht vielleicht Generationen. Doch die Kirche muss diesen Weg klar erlauben.
Welche Rolle sollte Rom dabei spielen?
Rom sollte weniger kontrollieren und stärker verbinden. Viele Entscheidungen könnten nationale Bischofskonferenzen oder Ortskirchen selbst treffen. Der Papst wäre dann eine geistliche Gestalt, die die verschiedenen Kirchen zusammenruft, ihnen zuhört und Verständigung ermöglicht. Er muss nicht jedes Problem lösen. Die Fixierung auf den Papst verführt dazu, Verantwortung nach oben abzuschieben. Zukunft entsteht vor Ort, in Gemeinden und Diözesen.
In Deutschland wird häufig der Priestermangel als größte Krise genannt. Sehen Sie das auch so?
Der Priestermangel ist ein Symptom. Wenn wir in zehn oder fünfzehn Jahren kaum noch Priester haben, kann die Antwort nicht sein, immer größere Pfarreien zu bilden und am bisherigen Amtsmodell festzuhalten. Wir müssen fragen: Wer besitzt die Begabung, eine Gemeinde zu leiten? Wer kann Menschen sammeln, das Evangelium erschließen und Verantwortung übernehmen? Solche Personen müssen sorgfältig ausgewählt, ausgebildet und begleitet werden. Das Amt muss der Gemeinde dienen.
Die japanische Kirche ist klein, aber dort gibt es viele hochgebildete, beruflich erfahrene und geistlich engagierte Frauen. Manche sprechen mehrere Sprachen, leiten Unternehmen oder arbeiten in Wissenschaft und Kultur. Gleichzeitig bleiben sie in kirchlichen Entscheidungsräumen oft nahezu unsichtbar. Das ist nicht nur ungerecht, sondern selbstzerstörerisch. Es gäbe genügend Frauen, die Gemeinden leiten könnten. Die Kirche muss aufhören, Begabung und Berufung am Geschlecht zu messen.
Sie fordern also den Zugang von Frauen zu kirchlichen Ämtern?
Für ein Amt müssen Eignung, Charakter, Ausbildung und geistliche Begabung entscheidend sein. Das Wichtigste an Jesus Christus ist nicht, dass er ein Mann war. Gerade in patriarchalisch geprägten Gesellschaften könnte das Evangelium eine befreiende Kraft entfalten, wenn die Kirche selbst glaubwürdig Gleichberechtigung vom Mann und Frau lebt.
„Krisen sind nicht nur Untergang, sie zwingen zum Umdenken“

Deutschland kann viel von Japan lernen, meint Pater Hamm 
Pater Hamm im Gespräch mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. 
„Die japanischen Katholiken müssen selbst Verantwortung übernehmen, besonders die vielen kompetenten Frauen.“
Welche besonderen Herausforderungen hat die Kirche in Japan?
Die Gesellschaft altert, die Bevölkerung nimmt ab, und auch die Kirche hat kaum Nachwuchs. Viele Missionare, die Gemeinden und Einrichtungen aufgebaut haben, werden in den kommenden Jahren fehlen. Priester aus anderen asiatischen oder afrikanischen Ländern helfen, stoßen aber auf sprachliche und kulturelle Hürden. Darum kann die Zukunft nicht durch Import gesichert werden. Die japanischen Katholiken müssen selbst Verantwortung übernehmen, besonders die vielen kompetenten Frauen.
Japan ist religiös stark vom Buddhismus geprägt. Konkurrenz oder Chance?
Eine große Chance. Die buddhistischen Traditionen enthalten geistliche Schätze, Erfahrungen von Mitgefühl, Vergänglichkeit, Stille und innerer Wandlung. Christen müssen nicht so tun, als beginne die religiöse Geschichte Japans erst mit den Missionaren. Ich würde sagen: Der Buddhismus kann für Japan eine ähnliche vorbereitende Bedeutung haben wie das Alte Testament für das Christentum. Das darf man nicht schematisch institutionalisieren, aber Predigt und Seelsorge sollten diese Schätze aufnehmen und mit dem Evangelium ins Gespräch bringen.
Was geschieht, wenn die Kirche am Status Quo festhält?
Dann wird sie in Japan und Deutschland weiter an Bedeutung verlieren. Als Minderheit kann sie durchaus Salz der Erde sein, gesellschaftlich aufmerksam, geistlich glaubwürdig und intellektuell anregend. Aber wenn das Salz seinen Geschmack verliert, wird sie nur noch eine kleine Gruppe, deren Stimme niemand braucht. Schuld daran wäre nicht allein die säkulare Gesellschaft. Die Kirche hätte selbst versäumt, das Evangelium in ihrer Zeit neu leuchten zu lassen.
Woher nehmen Sie dennoch Hoffnung?
Aus dem Evangelium selbst. Krisen sind nicht nur Untergang, sie zwingen zum Umdenken. Jesus hat keine ängstliche Institution gegründet, die sich hinter Macht und Tradition verschanzt. Er hat Menschen zusammengerufen, ihnen Verantwortung gegeben und Grenzen überschritten.
Die Zukunft der Kirche liegt deshalb weder in einem starken Papst noch in nostalgischen Formen. Sie beginnt dort, wo Gemeinden den Menschen etwas zutrauen, Frauen und Männer gleichrangig handeln und unterschiedliche Kulturen ihre eigene christliche Sprache finden. Dann könnte die Kirche wieder ein Leuchtturm sein, nicht weil sie herrscht, sondern weil sie zeigt, wie Gemeinschaft in Verschiedenheit gelingt.
Was kann, gesamtgesellschaftlich, Deutschland von Japan lernen?
Japan zeigt, dass eine alternde Gesellschaft handlungsfähig bleiben kann, wenn Menschen gemeinsame Prioritäten anerkennen und verlässlich als Team arbeiten. In Deutschland erlebe ich dagegen eine starke Fragmentierung. Viele Interessen stehen nebeneinander, aber es fehlt das Bewusstsein für das Gemeinsame. Auch die Kirche zerfasert, wenn Gruppen nur ihre eigenen Anliegen verfolgen. Sie muss Räume schaffen, in denen Unterschiede nicht verschwinden, sondern auf ein gemeinsames Ziel bezogen werden.
