– Venezuela

Diese Schule gibt nicht auf!

In Venezuela schaffen die Jesuiten Schutzräume, ermöglichen Bildung und begleiten Fami­lien inmitten der tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krise. Ein Zeichen dieser Hoffnung ist die neue Abraham-Reyes-Schule in Tinajitas. Für José Gregorio Terán SJ, Generaldirektor des Bildungswerks Fe y Alegría Venezuela, ist ihre Neueröffnung ein „Akt des Widerstands“.

Als wir in Tinajitas ankamen, hatte die Schulglocke noch nicht geläutet. Doch in den Straßen des Viertels war längst zu spüren, dass dieser Morgen anders war. Fami­lien traten aus ihren Häusern, Kinder liefen den Weg hinunter zur neuen Schule. Sie trugen einfache, saubere T-Shirts mit dem Logo von Fe y Alegría. Auf ihrer Brust stand ein Satz, der alles sagte: „Der große Tag ist gekommen.“

Niemand musste ihn ausrufen. Der große Tag lag in der Luft.

Zukunft bauen

Dort, wo vor nicht allzu langer Zeit nur ein kleines, provisorisches Häuschen stand, erhebt sich nun ein festes, helles, schönes Schulgebäude: die neue Escuela Abraham Reyes. Doch wer an diesem Morgen in den Hof trat, sah mehr als Beton, Fenster und frisch verputzte Wände. Dieser Ort ist gebaute Erinnerung. Er erzählt von Jahren des Suchens, Wartens, Hoffens und Weitergehens.

Zu Beginn der Feier wurden alle gebeten, aufzustehen. Für einen Moment wurde es still. Eine kurze Pause zum Atemholen, zum Danken. Dann brandete Applaus auf: für die Lehrerinnen, die trotz aller Schwierig­keiten geblieben sind; für die Bauarbeiter, die unermüdlich Mauern hochgezogen haben; für die Fami­lien, die brachten, was sie geben konnten. Freude lag über dem Hof, eine Freude, die nicht laut sein muss, um stark zu sein.

In einem Land, in dem Zukunft oft als Mangel erfahren wird, hat Fe y Alegría beschlossen, Zukunft zu bauen.

Alles begann mit einer Tafel

Luis Arrieche, der heutige Schulleiter, stand mit einigen Kindern vor der versammelten Gemeinschaft und erzählte die Anfänge dieses Traums. Alles begann im Jahr 2006 mit einer Tafel, die auf einem Stuhl in der Kapelle San Miguel Arcángel lehnte. Die Lehrerin Lucía schrieb die Namen der Kinder auf, ihr Mann half ihr dabei. Es gab kein Klassen­zimmer. Aber es gab eine Not. Und es gab Menschen, die darauf antworteten.

Noch im selben Jahr kam Yamile dazu und verwandelte eine Ecke der Kapelle in einen Unterrichtsraum. 2007 schlossen sich Adriana und Maigualida an. Sie warteten nicht auf ideale Bedingungen. Sie fingen an. Sie organisierten, baten, suchten Wege.

2012 zog die kleine Schule in ein Gemeindehaus um. Man schleppte Bausteine, suchte Fenster, ging weite Wege entlang der Umgehungsstraße. Als der Platz wieder nicht mehr ausreichte, wich man in Lagerhallen aus. Rita, die pädagogische Koordinatorin, legte nicht selten das Heft zur Seite, um Tassen zu spülen und sicherzustellen, dass Essen auf die Tische kam.

Jedes Hindernis wurde zu einer Stufe. Jeder Schritt zeigte: Diese Schule gibt nicht auf.

Seit 2015 suchte die Gemeinschaft nach einem Grundstück. Immer wieder gab es Versuche, immer wieder zerschlugen sie sich. Bis 2024 Irma auftauchte, eine Nachbarin des einzigen freien Grundstücks in Tinajitas. Das Gelände sollte gerade verkauft werden. Irma hielt den Verkauf auf.

Dann begann die Kampagne der „zehntausend Herzen“, um den Kaufpreis aufzubringen. Gegen Ende des Schuljahres fragte Pater Piedra in einer Sitzung nach der Schule. Man zeigte ihm ein Satellitenbild des Grundstücks. Ein Satz genügte: „Wir kaufen es.“

Im August wurde aus einem fernen Traum fester Boden.

Luis erinnerte auch an die Worte von Noelbis Aguilar, die schon vor Jahren, als alles noch provisorisch war, gesagt hatte: „Diese kleine Schule ist die Schule aller. Bald werden wir sehen, wie eine große Schule daraus wächst.“

Heute ist dieser Satz Wirklichkeit geworden. Nicht nur als Gebäude. Sondern als Versprechen, das Stein geworden ist.

Planung, Geduld, Handwerk

Während der Applaus noch nachklang, sprach Luis auch über Zahlen. Er tat es ohne Klage, mit klarer Stimme: Von 90 Kindern beenden nur etwa 25 die Sekundarstufe. Nur drei erreichen die Universität. Danach ließ er einen Moment offen, drei gedankliche Punkte für eine Zukunft, die noch gebaut werden muss.

In einem solchen Kontext ist der Bau einer Schule keine romantische Geste. Er ist ein Akt des Widerstands. Eine Weigerung, hinzunehmen, dass der Lebensweg eines Kindes schon vorher festgeschrieben ist.

Neben den Gerüsten sprachen wir mit dem Ingenieur Carlos und seinem Team. Er nannte keine Quadratmeterzahlen. Er sprach von Zeit: „In vier Monaten konnten wir verwirklichen, wovon zwei Jahrzehnte lang geträumt wurde.“

Es war keine Zauberei. Es waren Planung, Geduld und Handwerk. Der Architekt und die Arbeiter lächelten, als sie darüber sprachen. Und doch ist der Traum nicht zu Ende. Schon denkt man an den Schulhof mit Pflastersteinen, an Stufen, Bänke und später an weitere Klassenräume auf der rechten Seite.

Denn wer sagt, dass die Träume hier aufhören?

Warum diese Geschichte zählt

Tinajitas ist nicht einfach ein weiterer Punkt in einer Statistik. Tinajitas ist eine Gemeinschaft, die sich organisiert hat, die Wege gegangen ist, die nicht losgelassen hat.

Die Schulglocke wird läuten. Irma wird sie von ihrem Fenster aus hören. Die Kinder werden über den Hof laufen, die Stufen hinaufsteigen, die Bänke besetzen. Diese Schule ist kein Ende. Sie ist ein Anfang.

Bildung wird nicht an einem einzigen Tag eröffnet. Sie wird jeden Morgen neu getragen: von Händen, die unterrichten; von Füßen, die weite Wege gehen; von Menschen, die aneinander glauben.

Wo solche Menschen zusammenkommen, bleibt kein Boden unfruchtbar.

Verantwortung übernehmen – jeder für jeden!

Bei der Wortgottesfeier zur Eröffnung stand die „Pädagogik des Zeugnisses“ im Mittelpunkt. Jesus habe keine Vorlesung über Demut gehalten, hieß es. Er legte sein Gewand ab, nahm ein Tuch und wusch seinen Jüngern die Füße. Zuerst handelte er. Dann sprach er.

Auch Fe y Alegría lebt aus diesem Zeugnis. Der wichtigste Lehrplan wird nicht nur mit Worten geschrieben, sondern mit Gesten.

Abraham Reyes, dessen Namen die neue Schule trägt, steht für eine einfache Wahrheit: Volksbildung entsteht nicht zuerst aus großen Budgets, sondern aus der Großzügigkeit von Menschen, die oft wenig haben und dennoch teilen. Er gründete keine Einrichtung, damit andere sie bewahren. Er half, eine Bewegung zu stärken, in der jeder für den anderen Verantwortung übernimmt.

Dieses Dach wird nicht halten, wenn alle nur darauf warten, dass andere kommen und es reparieren. Die Zukunft dieser Schule hängt davon ab, was jede und jeder einbringt: Zeit, Arbeit, Geduld, Aufmerksamkeit, eine ausgestreckte Hand. Wer am Ufer stehen bleibt, sieht zu. Wer ins Wasser steigt, bringt das Boot in Bewegung.

Ein T-Shirt als Botschaft

Noch bevor das Band durchschnitten wurde, hatte ein Stück Stoff schon seine eigene Geschichte erzählt. Jordan, ein Kind der Schule, erzählte davon: Seine Mutter, Yaisela Arrieta, hatte den Stoff gekauft. Sie besorgte eine Schneidemaschine, zeichnete die Größen vor und nähte die T-Shirts. In ihrer Werkstatt in Tinajitas entstanden mit Hilfe einer Nachbarin nach und nach 170 Stück.

Jedes T-Shirt trug das Wappen von Fe y Alegría und den Satz: „Der große Tag ist gekommen.“

Es war keine verordnete Schulkleidung. Es war Fami­lienarbeit. Als die Kinder mit ihren neuen T-Shirts über den Hof gingen, wurde deutlich: Diese Eröffnung begann nicht mit einer Rede. Sie begann in einem Wohnzimmer, in dem eine Mutter maß, schnitt und nähte, weil sie wusste: Auch das Eigene bildet.

Yaisela hat die Kinder nicht nur eingekleidet. Sie hat ihnen eine Botschaft mitgegeben, befestigt mit Faden und Stoff: Großes entsteht aus dem, was wir haben, aus dem, was wir können, und aus der Entscheidung, nicht untätig zu bleiben.

Diese Schule wurde nicht nur mit Bausteinen errichtet. Sie ist auch gekleidet in die Arbeit von Händen, die nicht warten, sondern beginnen.

José Gregorio Terán SJ, Generaldirektor von Fe y Alegría Venezuela
Barquisimeto, 30.April 2026

Frieda und Robert Fischers Vermächtnis

Die Schule wurde mit dem Erbe von Familie Fischer erbaut. Frieda Fischer († 12. Januar 2023) und Robert Fischer († 27. Juni 2017) aus Rankweil in Österreich heirateten 1954 und bekamen drei Kinder: Georg, Richard und Rita. Mit harter Arbeit, Fleiß und großer Sparsamkeit bauten sie sich ein Leben auf und verloren dabei nie den Blick für Menschen in Not. Ihr christlicher Glaube prägte ihr Handeln und gab ihnen Orientierung, Kraft und Freude. Auch in Zeiten, in denen sie selbst nur wenig hatten, waren sie bereit zu teilen und anderen zu helfen.

Ihr ältester Sohn, Georg Fischer, wurde 1954 in Vorarlberg geboren und trat 1972 in den Jesuiten­orden ein. Im Sinne des Wunsches seiner Eltern, dass insbesondere arme Kinder von ihrem Erbe profitieren sollten, unterstützte er den Bau der Abraham-Reyes-Schule in Tinajitas. So wurde aus dem Vermächtnis von Frieda und Robert Fischer ein Ort des Lernens und der Hoffnung für hunderte Kinder und Fami­lien.

„Möge das Leben und die Hingabe meiner Eltern allen Kindern hier als Inspiration dienen, den rechten Weg zu gehen, Gott nahe zu sein und stets auf sein Wort, die Bibel, zu hören“, so P. Fischer SJ.  

Mit jeder Schulglocke, die künftig in Tinajitas läutet, lebt etwas von ihrer Haltung weiter: die Überzeugung, dass Bildung Zukunft eröffnet, dass Großzügigkeit Grenzen überwinden kann und dass selbst aus einem einfachen Leben ein Segen für viele andere erwachsen kann. Ihr Erbe schenkt Kindern eine Chance und ihr Andenken wirkt weit über die Grenzen Österreichs hinaus fort.

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