– Jesuit Refugee Service

Von Rom bis an die Ränder der Welt

Cecilia Bock ist verantwortlich für Monitoring und Evaluation beim Jesuiten-Flücht­lings­dienst in Rom (JRS). Im Interview spricht sie über ihre Berufung und ihr Engagement bei der Begleitung von Geflüchteten in verschiedenen Regionen der Welt. Ihre Erfahrung: Mitgefühl, Zuhören und Beharrlichkeit sind konkrete Formen gelebten Glaubens.

Kannst du erzählen, wie deine Berufung entstanden ist und welche Erfahrungen dich auf diesen Weg geführt haben?

Stellt euch eine einfach gekleidete Frau vor, wie sie auf roter Erde steht. Um sie herum wirbelt der Wind Staub auf, während Menschen zu Fuß die Straße entlangziehen, denn Autos sieht man dort nur selten. Daneben Reihen riesiger Mangobäume, vom Staub der Trockenzeit überzogen. Bei einem meiner ersten Besuche zur Bedarfsanalyse im Südsudan sagte diese Frau zu einem jungen Mädchen, das ihre Tochter hätte sein können, sie solle sie nicht vergessen, denn sie sah so viele humanitäre Helfer und Helferinnen wie mich kommen und gehen, ohne ihre Versprechen zu halten.

Nun, ich habe mein Bestes getan und bin viele Male zurück­gekehrt. Damals arbeitete ich bei Caritas Spanien, die in dieser Region des Südsudan Schulen, Gesundheitsstationen, Ausbildungskurse und vieles mehr unterstützte. Ich glaube, in diesem Gespräch ist mein Wunsch entstanden, nicht nur meine Versprechen zu halten, sondern einen konkreten Dienst zu leisten: mit einfachen Gesten, ohne Aufhebens. Zurück­zukehren, zuzuhören, Raum zu schaffen, auch wenn niemand zusieht.

Wie gelingt es, die Dimension der „Kontemplation in Aktion“, also die Verbindung von Gebet und konkretem Dienst, in täglichen Herausforderungen zu leben?

Von meinem Kollegen Tevfik Karatop, Projektmanager bei JRS Kanada, habe ich gelernt, dass der Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl darin liegt, dass Empathie bedeutet, sich in die Lage eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Mitgefühl hingegen bedeutet, dass man nicht nur versucht, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen, sondern auch den Wunsch verspürt, sie zu unterstützen, Lösungen zu finden und für sie zu handeln.

Ich glaube, das ist „Kontemplation in Aktion“: eine Form von Mitgefühl, die uns bewegt und zum Handeln drängt, die uns Position beziehen lässt. Ich glaube auch, dass Mitgefühl aus der Stille genährt wird, aus jenem inneren Raum, in dem wir innehalten und zuhören. Dort finden unsere Handlungen Sinn, noch bevor sie Gestalt annehmen. Es ist nicht unbedingt ein Gebet im religiösen Sinn, sondern eine Weise, zu sich selbst zurück­zukehren, mit anderen gemeinsam zu atmen und sich daran zu erinnern, warum wir handeln.

Welche Schwierig­keiten oder besonders prägenden Momente hast du in deinem Dienst erlebt, insbesondere im Kontext von Leid oder Armut?

Ich weiß nie genau, wie ich die wichtigsten Momente in meinem Dienst benennen oder voneinander unterscheiden soll. In meiner heutigen Arbeit befindet sich mein Büro in Rom. Von dort aus reise ich häufig in all jene Länder, in denen wir Büros haben und in denen wir Geflüchtete und gewaltsam vertriebene Menschen begleiten: von Afrika über Latein­amerika bis nach Asien.

Jede Reise bringt Begegnungen mit sich, die Spuren hinterlassen: das Leid von Müttern, die sehen, wie ihre Kinder Jahre der Schulbildung verlieren; die seelische Zerbrechlichkeit von Menschen, die alles verloren haben; die fehlenden Perspektiven; die Gleichgültigkeit von Gemeinschaften, die nicht in der Lage sind, sie aufzunehmen. Das sind schwierige Momente, die einen nicht loslassen.

Wenn ich heute dennoch einen „besonders prägenden“ Moment wählen müsste, dann wäre es unter vielen ein Moment des Neubeginns. Ich denke an die widerstandsfähigen Gesichter der Menschen, die in Myanmar weiterhin zerbombte Schulen und Häuser wiederaufbauen. Der 2021 neu aufgeflammte Konflikt hat die Bevölkerung erschöpft, aber nicht besiegt. In diesen Menschen sehe ich die Kraft, wieder anzufangen. Es ist dieselbe Kraft, die mich daran erinnert, dass selbst an den verwundetsten Orten immer etwas in Bewegung bleibt, immer etwas neu zu sprießen beginnt.

Wie helfen dir die jesuitischen Prinzipien, also die Bedeutung der Unterscheidung und das ignatianische „Magis“, Entscheidungen zu treffen und Gott in allem zu finden?

Ich glaube, meine Ausbildung wurde vom Konzept des Magis geprägt. Es bedeutet nicht, immer „mehr“ zu tun oder zu geben, bis zur Erschöpfung. Magis meint vielmehr das Streben nach dem Besseren, das Streben nach Exzellenz, verstanden als ein Leben in Fülle und Tiefe, im selbstlosen Dienst.

Sicherlich hat die Beziehung zur Gesellschaft Jesu mein Leben beeinflusst, weil ich erkannt habe, wie wichtig ein spirituelles Interesse ist, um sich für die Bedürfnisse der Menschen zu öffnen, denen wir dienen. In der humanitären Arbeit braucht es, wie in anderen Bereichen auch, selbstverständlich Kompetenz, Vorbereitung, Erfahrung, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und emotionale Intelligenz.

Darüber hinaus halte ich jedoch auch eine andere Art von Kompetenz für entscheidend, eine eher verborgene Kompetenz. Sie hilft einem, in eine Haltung tiefen Zuhörens zu kommen, weil man die Fähigkeit entwickelt hat, auf sich selbst und auf andere zu hören.

Was möchten Sie anderen Frauen sagen, Ordensfrauen oder Laiinnen, die Tag für Tag, oft im Verborgenen, daran arbeiten, das Evangelium durch Dienst und Liebe weiterzugeben?

Den Frauen, die mit Geduld und Hingabe oft fernab des Rampenlichts arbeiten, möchte ich sagen: Verliert nicht den Glauben an den Wert eurer Arbeit. Viele ganz wesentliche Dinge wachsen tatsächlich in der Stille: Beziehungen, Hoffnungen und Gesten, die Gemeinschaften zusammenhalten.

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