Mexiko: Vermisst, aber nicht vergessen

Mexiko war einer der Gastgeber der Fußball-WM. Doch zwischen den Jubelrufen in den Stadien hallte der Ruf nach Wahrheit und Gerechtig­keit. Rund 133.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst – Opfer von Erpressungen, Drogen- und Menschenhandel. Das jesuitische Menschen­rechtszentrum Centro Prodh setzt sich, gemeinsam mit den Angehörigen, für die Aufklärung der Fälle ein.

Projekt Centro Prodh Mexiko

Ort:
Mexiko-Stadt, Mexiko

Partner:
María Luisa Aguilar Rodríguez, Direktorin des Centro Prodh

Zielgruppe:

In Mexiko sind rund 133.000 Menschen als vermisst registriert. Zurück bleiben Fami­lien, die oft jahrelang im Ungewissen leben und selbst nach ihren Angehörigen suchen. Viele Angehörige werden dabei bedroht, angegriffen oder geraten selbst in Gefahr. Das jesuitische Menschen­rechtszentrum Centro Prodh steht diesen Fami­lien zur Seite. Besonders unterstützt werden Menschen, die über wenig politische oder finanzielle Möglichkeiten verfügen und ihre verschwundenen Angehörigen dennoch nicht vergessen wollen.

So hilft Ihre Spende:

  • Rechtliche Unter­stützung: Kostenlose Beratung und Begleitung von Menschen, deren Menschen­rechte verletzt wurden.
  • Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit: Menschen­rechts­ver­letzungen dokumentieren, öffentlich machen und staatliche Verantwortung einfordern.
  • Internationale Interessenvertretung: Betroffene auch vor internationalen Menschen­rechtsinstitutionen vertreten.
  • Bildung und Stärkung: Gemeinschaften und Menschen­rechtsverteidiger:innen dabei unterstützen, ihre Rechte selbst zu verteidigen.

Am 11. Juni 2026 wurde die Fußball-WM im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt eröffnet. Während Millionen Menschen den Beginn des Turniers feierten, nutzten mehr als 1.000 Angehörige von Vermissten die weltweite Aufmerksamkeit, um an eine andere Realität des Landes zu erinnern: Rund 133.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst. Am Eröffnungstag sie zum Stadion. In ihren Händen trugen sie Plakate mit den Gesichtern ihrer verschwundenen Fami­lienmitglieder. 

„Wir wollen euch die Feierlichkeiten nicht verderben

Zudem organisierten sie verschiedene Aktionen, darunter „kleine Fußballspiele zum Erinnern und Vergessen“, und verlasen eine Erklärung: „Wir wollen euch die Feierlichkeiten nicht verderben. Im Gegenteil, wir hoffen, ihr könnt die Spiele genießen. Unsere Angehörigen haben Fußball jedoch ebenso geliebt und sind heute nicht hier, um die WM bei uns mitzuerleben.“ Ihre Botschaft: Während die Aufmerksamkeit der Welt auf den Fußball gerichtet ist, darf das Schicksal der Verschwundenen in Mexiko nicht in Vergessenheit geraten.

Doch auf ihrem Weg wurden die Demonstrierenden von Hunderten Polizistinnen und Polizisten sowie Mitarbeitenden der Stadtverwaltung aufgehalten. Diese versperrten ihnen den Zugang mit der Begründung, das Stadion „schützen“ zu wollen und das von der Stadtverwaltung betonte „Recht der Fans, das Spiel zu verfolgen“, gewährleisten zu müssen. Das verfassungsmäßig garantierte Recht auf friedlichen Protest trat dabei in den Hintergrund.

„Die Proteste der Fami­lien sind keine einfache Störaktion gegen die WM, sondern Teil eines jahrzehntelangen Kampfes für Gerechtig­keit für die unzähligen Vermissten in diesem Land. Das macht die Reaktion der Behörden umso erschütternder“, erklärt Yeny Santiago, Koordinatorin für institutionelle Entwicklung der jesuitischen Menschen­rechtsorganisation Centro Prodh in Mexiko-Stadt.

Centro Prodh im Einsatz für Menschen­rechte in Mexiko

Das Centro de Derechos Humanos Miguel Agustín Pro Juárez (Centro Prodh) wurde 1988 von der Gesellschaft Jesu gegründet. Angesichts staatlicher Repression und der Ermordung von Menschen, die sich für Menschen­rechte und gesellschaftliche Veränderungen einsetzten, beschlossen junge Jesuiten, ein Zentrum zur Verteidigung der Menschen­rechte aufzubauen. Im Mittelpunkt standen von Beginn an Menschen, die weder über politischen Einfluss noch über die finanziellen Mittel verfügten, um sich gegen erlittenes Unrecht zu wehren.

Bis heute unterstützt das Centro Prodh Menschen­rechtsaktivistinnen und Menschen­rechtsaktivisten sowie Betroffene von Menschen­rechts­ver­letzungen in verschiedenen Regionen Mexikos. Dazu zählen insbesondere Betroffene staatlicher Gewalt und Repression, indigene Gemeinschaften, Migrantinnen und Migranten sowie Frauen, deren Rechte verletzt wurden.

Das Zentrum unterstützt sie durch juristische Beratung und Begleitung, Öffentlichkeitsarbeit und politische Interessenvertretung. Es dokumentiert Menschen­rechts­ver­letzungen, begleitet konkrete Fälle vor Gericht und bringt die Anliegen der Betroffenen auf nationaler und internationaler Ebene ein. Gleichzeitig macht das Centro Prodh auf strukturelle Probleme wie Straflosigkeit und den mangelnden Zugang zur Justiz aufmerksam. Ziel ist es nicht nur, Menschen in konkreten Fällen zu ihrem Recht zu verhelfen, sondern langfristig zu einem besseren Schutz der Menschen­rechte in Mexiko beizutragen.

Mindestens 133.000 Vermisste

Die Vermisstenfälle stehen im engen Zusammenhang mit kriminellen Organisationen, die in Drogenhandel, Erpressung und Menschenhandel verwickelt sind. Opfer werden entführt, zwangsrekrutiert oder ermordet und in Massengräbern verscharrt. Wie ernst die Lage ist, belegen die Zahlen: Aktuell gelten in Mexiko rund 133.000 Menschen als verschwunden. Die Dunkelziffer ist weitaus höher.

Ab 2006 verschlechterte sich die Sicherheitslage im Land. Durch den verstärkten Einsatz des Militärs gegen Drogenkartelle zerfielen bestehende kriminelle Strukturen, gleichzeitig entstanden neue Gruppen. Diese konkurrieren seither in einer Gewaltspirale miteinander, was sich auch auf die Zahl der Vermissten auswirkt.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Straflosigkeit. Denn in vielen Fällen bleibt das Verschwindenlassen ohne Konsequenzen für die Täterinnen und Täter, nicht zuletzt aus Angst der Behörden selbst Opfer zu werden. Die Interamerikanische Menschen­rechtskommission (IACHR) bezeichnet die Lage in einem Bericht sogar als „schwerwiegende Menschen­rechtskrise in Mexiko“ und hebt hervor, dass zahlreiche der vom organisierten Verbrechen begangenen Entführungen „in enger Absprache und Koordination mit staatlichen Akteuren“ erfolgen. Staatliche Ermittlungen und Aufklärung bleiben somit häufig aus. Daher bleibt Tausenden Fami­lien nichts anderes übrig, als ihre verschwundenen Angehörigen auf eigene Faust zu suchen und die Verbrechen öffentlich zu machen.

Wenn Suchende zur Zielscheibe werden

Doch genau dieses Engagement wird vielen zum Verhängnis: Angehörige, die nach Vermissten suchen, werden bedroht, angegriffen oder verschwinden selbst. Das Schicksal der Familie Barajas Piña steht stellvertretend für die Gefahren, denen Suchende in Mexiko ausgesetzt sind.

Das Ehepaar Javier Barajas und María del Tránsito Piña stammt aus dem Bundesstaat Guanajuato. Beide sind Grundschullehrkräfte und engagierten sich über viele Jahre in sozialen Bewegungen, was ihre Familie allerdings zur Zielscheibe machte.  

2020 wurde ihr schlimmster Albtraum Realität: Ihre Tochter Guadalupe verschwand. Gemeinsam mit Sohn Francisco Javier machten sich die beiden auf die Suche nach ihr und schlossen sich der Suchkommission des Bundesstaates Guanajuato an. 2021 wurde dann Sohn Francisco Javier ermordet, mutmaßlich von jenen, die mit dem Verschwinden seiner Schwester in Verbindung standen. Im selben Jahr wurde Guadalupe schließlich aufgefunden – tot. Suchgruppen identifizierten ihre Leiche in einem der größten Massengräber des Bundesstaates. Aus Angst um ihr eigenes Leben sahen sich Javier und María del Tránsito gezwungen, Guanajuato zu verlassen.

„Man hat uns nicht nur unsere Kinder genommen, sondern auch die Möglichkeit, weiter nach denjenigen zu suchen, die noch als vermisst gelten“, sagt Javier Barajas.

Das Centro Prodh steht der Familie bis heute zur Seite und forderte 2026 den Obersten Gerichtshof auf, das Berufungsverfahren im Fall des ermordeten Suchaktivisten Francisco Javier Barajas zu beschleunigen.

Zeichen der Hoffnung

Trotz der Gefahr, selbst zur Zielscheibe zu werden, bleiben die Angehörigen der Vermissten aktiv. Unter­stützung erhalten sie dabei von Menschen­rechtsorganisationen wie Centro Prodh, das die WM-Proteste umfangreich begleitete und öffentlich dokumentierte. Im Rahmen der WM-Proteste gab es Zeichen der Solidarität. Anwesende Journalistinnen und Journalisten sowie Sportlerinnen und Sportler, aber auch Fans nahmen sich Zeit, hörten den Angehörigen zu und unterstützten sie sichtbar. Besonders eindrücklich war eine Begegnung mit Gästen aus Schweden, die den Berichten der suchenden Mütter aufmerksam folgten und öffentlich ihre Solidarität bekundeten.

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