– Im Dialog
Stimme des Globalen Südens
Der Jesuit und Sozialwissenschaftler Toussaint Kafarhire Murhula SJ leitet das Arrupe-Forschungszentrum (CARF) in der Demokratischen Republik Kongo. 2025 nahm er an der UN-Klimakonferenz (COP30) teil. Dabei brachte er die Perspektiven aus der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Weltregionen ein.
Sie verbinden Ethik mit politischem Engagement. Welcher Moment hat Ihren Weg besonders geprägt?
Es gibt einen Moment, über den ich selten spreche. Nach meinem Schulabschluss nahm ich an einem Exerzitienkurs teil. Auf dem Rückweg hörte ich eine innere Stimme, die mich fragte: „Toussaint, liebst du mich wirklich mehr als die anderen?“ (Johannes 21,15–17).
Dieser Moment war für mich entscheidend und spirituell tief bewegend – ähnlich wie der Moment, den Ignatius in der Kapelle von Storta erlebte. Ich erkannte, was Christus für mich vorgesehen hatte: mit Liebe und Fürsorge seinem Volk zu dienen, ihre Würde zu achten und für Gerechtigkeit einzutreten.
Welche Rolle spielt christliche Sozialethik in der globalen Klimapolitik?
Christliche Sozialethik macht deutlich, dass die Klimakrise mehr ist als ein technisches Problem – sie ist Ausdruck einer moralischen Krise. Sie fordert eine spirituelle Umkehr und stellt die Menschenwürde sowie die Verantwortung für unser gemeinsames Haus in den Mittelpunkt. Dabei steht Gerechtigkeit vor Effizienz: Entscheidend sind langfristige Verhaltensänderungen, nicht nur technische Lösungen.
Im Vorfeld der COP30 haben die Jesuiten Forderungen wie den Schuldenerlass für Entwicklungsländer vorgetragen.
Wo sehen Sie die dringendste Priorität aus Sicht des Globalen Südens?
Alle Forderungen sind eng miteinander verknüpft. Aus unserer Perspektive bildet Gerechtigkeit das Fundament, weil sie historische Verantwortung sichtbar macht. Das vorherrschende neoliberale Paradigma blendete lange die Geschichte und strukturelle Faktoren aus und reduzierte Armut auf individuelle Entscheidungen.
Zentral ist die Erkenntnis, dass das Leiden vieler Völker eine Folge des kolonialen Entwicklungsmodells ist. Es bedarf daher einer Transformation und vor allem einer Wiedergutmachung der ökologischen Schuld des Kolonialismus – ähnlich wie Zachäus seine Fehler erkannte und Wiedergutmachung suchte.
Sie haben erstmals persönlich an einer UN-Klimakonferenz teilgenommen. Wie haben Sie die COP30 in Belém erlebt?
Ich arbeite am Centre Arrupe in Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo und trug die Verantwortung, die Anliegen meiner Gemeinschaft zu vertreten. Schon im Vorfeld wurden die globalen Ungleichheiten deutlich: Kein weiteres Mitglied meines Teams aus dem Kongo erhielt ein Visum – ohne jede Begründung.
Vor diesem Hintergrund nahm ich dennoch an der COP30 teil, bewusst ohne feste Erwartungen, um offen für Begegnungen, Gespräche und neue Perspektiven zu sein.
Wurden die Stimmen des Globalen Südens bei der COP30 ausreichend gehört?
Der Globale Süden war zwar präsent, doch Präsenz bedeutet nicht automatisch Gehör. Viele Stimmen aus dem Globalen Süden waren vor allem auf Nebenveranstaltungen zu hören, während die zentralen Entscheidungen anderswo getroffen wurden. Echte Beteiligung erfordert jedoch, dass diese Stimmen wirksamen Einfluss auf die Entscheidungsprozesse haben.
Mit welchen Gedanken sind Sie nach der COP30 zurückgekehrt? Was gibt Ihnen Hoffnung?
Ich bin mit Sorge, aber auch mit vorsichtigem Optimismus zurückgekehrt. Die politischen Fortschritte bleiben langsam, doch es gibt starke zivilgesellschaftliche Initiativen, Glaubensgemeinschaften und indigene Gruppen, die sich konsequent für Gerechtigkeit, den Schutz von Ökosystemen sowie für Fragen von Verlust und Schaden einsetzen. Hoffnung schöpfe ich dabei weniger aus schnellen Verhandlungsergebnissen als aus der Ausdauer und den Stimmen, die sich der Klima-Ungerechtigkeit entgegenstellen.
Welchen Rat geben Sie Menschen, die in stark von der Klimakrise betroffenen Regionen arbeiten möchten?
Es ist entscheidend, die lokale Geschichte, Machtverhältnisse und Erwartungen zu verstehen. Eine kritische und selbstreflexive Haltung ist dabei unerlässlich. Ohne sie laufen selbst gut gemeinte Initiativen Gefahr, bestehende Ungerechtigkeiten zu reproduzieren.
