– Philippinen

Manchmal Mathe, manchmal Macarena: Lernen auf Augenhöhe in Manila

Sr. Salome Fränzle CJ ist Novizin in der Congregatio Jesu. Im Rahmen ihrer Ordensausbildung arbeitete sie ein Jahr lang im Büro von jesuitenweltweit Österreich mit und unterstützte das Team in der Regel zweimal pro Woche im Büro. Im Sommer tauschte sie für fünf Wochen die Mitarbeit im Hintergrund gegen einen praktischen Einsatz bei der von jesuitenweltweit Österreich unterstützten ERDA Foundation in Metro Manila auf den Philippinen. Ihre dort gesammelten Erfahrungen sind in diesem Bericht zusammengefasst. 

Ein Jesuit und eine Frage: Warum seid ihr nicht in der Schule?

Die ERDA Foundation unterstützt seit über 50 Jahren Kinder und Jugendliche auf den Philippinen dabei, die Schule und/ oder eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen. P. Pierre Tritz SJ traf Kinder auf der Straße, fragte und recherchierte nach den Gründen, warum sie nicht zur Schule gingen – und widmete sein Leben der Mission „gute Bildung für philippinische Kinder“. Daraus entstand die ERDA Foundation, kurz für Educational Research and Development Assistance. 

Wie notwendig diese Arbeit ist, zeigen bis heute die Statistiken: nur 2/3 der Bevölkerung haben die 10. Klasse oder High School abgeschlossen und (Stand 2024) jedes zehnte Kind im Grundschulalter geht nicht zur Schule. Daher arbeitet ein Team aus Sozialarbeiter:innen, Verwaltung und vielen Ehrenamtlichen mit Hauptsitz in Quezon in vielen unterprivilegierten Barangays daran, Schulabbrüche zu verhindern.

Sie ermitteln an öffentlichen Schulen die Bedarfe der Kinder und helfen entsprechend. Die Angebote reichen von Schulmaterialien, Lebensmitteln oder einer warmen Mahlzeit am Tag, Nachhilfe bis zu Workshops zur persönlichen Weiterentwicklung. Sie beziehen auch die Eltern und das Umfeld der Kinder mit ein, um für die Wichtigkeit und die Erfolgsfaktoren für eine gelungene Bildungsbiografie zu sensibilisieren.

Catch-up: Eine zweite Chance zum Lernen mit Até und Kuya

Eines der Programme, in dem auch internationale Volunteers sich immer wieder engagieren können, ist das sogenannte Catch-up. Bei Klassenstärken von 40-50 Kindern in öffentlichen Schulen ist eine individuelle Förderung der Kinder quasi nicht zu leisten. Wer im Unterricht nicht mitkommt, fällt zurück. 

Damit das nicht dazu führt, dass die betroffenen Kinder oder Jugendlichen die Schule abbrechen, hilft ERDA am Nachmittag weiter. In Gruppen von fünf bis 15 Kindern/ Jugendlichen kann viel eher auf Verständnisprobleme eingegangen und Lücken geschlossen werden. Die activities bestehen aus einer Mischung aus „ernsthaftem“ Unterricht, aber auch anderen Elementen wie Spielen, Tanz oder anderen Dingen, auf die die Jugendlichen Lust haben, und einem obligatorischen Snack. 

Die Volunteers, die diese Gruppen leiten und die Aktivitäten vorbereiten, sollen für die Kinder wie ältere Geschwister sein. Genau so werden sie von den Sozialarbeiterinnen auch vorgestellt: als Até (große Schwester) oder Kuya (großer Bruder). Dementsprechend gestaltet sich das Verhältnis mit den Kindern. Natürlich sind die Atés oder Kuyas für die Ordnung und den Fortschritt in den improvisierten Klassenräumen zuständig, aber sie bewerten nicht wie Lehrkräfte und können flexibler und mehr auf Augenhöhe agieren.

14 Uhr, ein improvisierter Raum oberhalb einer Kita in Tondo, dem eher unromantischen Hafenviertel von Manila. Eine Handvoll Elfjährige schaut Sr. Salome erwartungsvoll an, drei spielen (indoor!) Basketball, zwei am Handy, eine Mutter samt Kleinkind sitzt am Rand. Sie kann zur Not mit Übersetzungen – Englisch ist zwar zweite Amtssprache und wird in der Schule gelehrt, aber eben nicht Umgangssprache – helfen oder kurzfristig fehlendes Material auftreiben. 

Mathe und Macarena 

Eine Runde „Tafelfußball“, eine kurze Wiederholung zu Zehnerpotenzen und ein Hüpfspiel, um daran zu erinnern, dass man wirklich nur ein Komma verschieben oder Nullen anhängen muss, um mit 10, 100, 1000 zu multiplizieren. Es ist der Versuch, Mathematik als ein Fach begreiflich zu machen, das Regeln und Systematiken folgt, die man sich zunutze machen kann. 

„Können wir TikTok tanzen?“ fragt France, einer der Schüler, in der Pause. Klar, können wir. Heute steht ein funktionierender Lautsprecher zur Verfügung, und zur Unterrichtsvorbereitung gehört das Herunterladen der beliebtesten Songs ebenso wie die Mathematik-Didaktik – auf den Internetempfang sollte man sich hier nicht verlassen… 

Lernen auf Augenhöhe bedeutet, dass einen die Kinder mindestens ebenso viel lehren wie man ihnen (hoffentlich) beibringt. Dabei zeigt sich beim Tanzen bei vielen ein Selbstbewusstsein, dass sie bei Matheaufgaben nicht haben… aber entwickeln sollen. Sr. Salome beeindruckt die Ernsthaftigkeit und Disziplin, mit der sich „ihre“ 11jährigen nach einem Schultag nachmittags noch mit Mathematik befassen. Vor allem den Volunteers, die früher selbst „ERDA beneficiaries“ waren und jetzt jüngeren helfen, ist bewusst, dass Bildung ihre Chance ist, der Armut zu entkommen. Das geben sie weiter.

[Jenard kommt wie die meisten aus einer Familie, in der mangelnde finanzielle Mittel den Schulbesuch gefährdeten. Aber noch wichtiger als Schulmaterien, ein Laptop und Stipendien war für seinen Weg, dass Rosalie, die zuständige Sozialarbeiterin, an ihn geglaubt und ihn ermutigt hat. Jetzt wird er selbst Lehrer und hilft in seiner Freizeit bei ERDA mit.]

Sie erlebte aber auch, welche Hürden dem Bildungserfolg im Wege stehen: regelmäßig fällt die Schule aus, weil eine Sekte die Straßen blockiert, Taifune drohen oder der Regen zu stark ist, als dass Schulwege sicher zu bewältigen wären. Stromausfälle sind keine Seltenheit, und dichte Dächer oder Fensterscheiben im Klassenraum keine Selbstverständlichkeit. Wenn es regnet, regnet es herein und die Kinder müssen zusammenrücken. Sie nehmen es gelassen.

Andere Hindernisse lassen sich leichter beseitigen. Man muss halt erst mitbekommen, dass das Operatorzeichen für die Division ein anderes ist als in Deutschland oder Österreich verbreitet. Schwieriger wiederum ist, die Kinder zum eigenständig-kritischen Denken anzuregen. Auch dann, wenn sie die richtigen Ergebnisse ausrechnen, fällt es ihnen sehr schwer, zu erklären, wie sie dahin gekommen sind. Sie brauchen viel Ermutigung. Wenn nichts anderes mehr hilft, gibt es zur Auflockerung eine Runde Macarena oder Twister. 

Trotz ungerechter Strukturen: einen Unterschied machen

Am Ende der fünf Wochen hatte sie den Eindruck, dass die Kinder tatsächlich mit manchen Aufgaben sicherer umgehen und manche Struktur „hinter“ den Aufgaben anfanghaft verstanden haben. Sie ist immer noch beeindruckt von der Energie und Lernwilligkeit der Kinder.

Trotzdem bleibt der Eindruck, ihnen auf Beziehungsebene nicht gerecht zu werden. Die Kinder werden schon von den Umständen „benachteiligt“, bekommen in der Schule nicht die Möglichkeiten, die sie bekommen sollten, und ERDA kann nur versuchen, die Lücken zu stopfen.

Vielleicht ist das genau der Antrieb und mein Lerneffekt: die Dinge trotzdem zu tun. Gerade im Wissen um ungerechte Strukturen, an denen ein:e Einzelne:r nicht viel ändern kann, für die einzelnen Kinder einen Unterschied machen. Und darauf vertrauen, dass sie am Ende ihren Erfolg nicht für sich behalten, sondern wieder anderen Chancen geben, die sie sonst nicht hätten. 

Ihre Spende hilft

Jetzt online spenden

MENSCHEN FÜR ANDERE

Erste Bank
IBAN:AT94 2011 1822 5344 0000
BIC:GIBAATWWXXX

Ihre Spende ist gemäß § 4a Abs 2 Z3
lit a bis c EStG steuerlich absetzbar.
ZVR Zahl 530615772 / SO 1345